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Der Zerfall als Geschäftsmodell: Libyen nach Gaddafi, 2011 bis 2026

Der Zerfall als Geschäftsmodell: Libyen nach Gaddafi, 2011 bis 2026

Aug 25, 2026 • 36min 07s

Episode description

Die Fortsetzung der Libyen-Folge: Was geschah nach dem 20. Oktober 2011? Diese Episode beginnt am Tag danach und führt bis in den August 2026. Die Zeit Gaddafis und die Intervention von 2011 sind Gegenstand der vorangegangenen Folge und werden hier nicht wiederholt.

Die Leitfrage: Warum ist in fünfzehn Jahren an keiner Stelle eine Zentralmacht entstanden, und wer profitiert vom Zustand des Zerfalls?

Erste Phase, der Übergang. Die Verfassungserklärung vom 3. August 2011 liest sich wie das Handbuch eines demokratischen Musterschülers und war von Tag eins an ein Papier ohne Deckung. Die ersten freien Wahlen am 7. Juli 2012 brachten ein zersplittertes Parlament hervor; die Regierungschefs scheiterten binnen Wochen, weil ein Mandat ohne eigene Truppe nichts wert ist. Der Wendepunkt kommt im Mai 2013: Milizen belagern das Parlament und erzwingen mit vorgefahrenen Geschützen das Politische Isolationsgesetz, das jeden aus Politik und Verwaltung verbannt, der unter Gaddafi ein Amt hatte, dem irakischen Modell der Entbaathifizierung nachgebaut. Entscheidend ist nicht der Inhalt des Gesetzes, sondern sein Zustandekommen: Bewaffnete Gruppen lernen, dass Gewalt jede politische Entscheidung erzwingen kann, und werden dafür nicht bestraft, sondern auf staatliche Gehaltslisten gesetzt. Im Winter 2013 blockiert der Milizenführer Ibrahim Dschadran die Ölhäfen und dreht einem ganzen Land den Geldhahn zu. Im Mai 2014 ruft Chalifa Haftar die Operation Würde aus; die Wahl im Juni erreicht keine zwanzig Prozent Beteiligung, ein Teil des alten Kongresses tritt nicht ab. Von da an: zwei Parlamente, zwei Regierungen.

Ein Einschub räumt mit einem verbreiteten Satz auf. Der Westen habe Libyen nach 2011 allein gelassen: Die Dokumente zeigen das Gegenteil. Budgets, Ausbildungsprogramme und Pläne für einen zentralen Sicherheitssektor lagen auf dem Tisch. Sie scheiterten am Kalkül der libyschen Eliten selbst, denn ein funktionierender Staat hätte die Machtgrundlage der Milizenführer beseitigt. Der Zerfall war für die Beteiligten lukrativer als der Aufbau.

Zweite Phase, der internationalisierte Krieg. Das Abkommen von Skhirat im Dezember 2015, der zeitweilige Griff des IS nach Sirte, ab April 2019 Haftars Angriff auf Tripolis mit Rückendeckung der Emirate, Ägyptens und russischer Wagner-Söldner. Im November 2019 erzwingt Ankara als Preis für die Rettung ein Abkommen über die Seegrenzen und interveniert ab Januar 2020 offen mit Drohnen und syrischen Söldnern. Die Berliner Konferenz beschließt ein Embargo, das folgenlos bleibt. Als Haftars Offensive im Juni 2020 zusammenbricht, liegt das nicht an einer libyschen Wende, sondern am Abzug der Wagner-Kräfte: Der Krieg endet, weil zwei fremde Regierungen sich auf eine Linie quer durch Libyen einigen.

Dritte Phase, der eingefrorene Staat. Für die Wahl im Dezember 2021 registrieren sich fast drei Millionen Menschen; zwei Tage vorher wird sie abgesagt. Abdul Hamid Dbeiba, der zugesagt hatte, nicht anzutreten, kandidiert doch und bleibt danach einfach im Amt. Im Osten formiert sich die Gegenregierung unter Osama Hammad. Eingefroren heißt nicht ruhig: Der Krieg läuft über das Öl weiter, mit wiederholten Blockaden und Milliardenverlusten, mit Abwertungen des Dinars und dem Vorwurf der Vereinten Nationen, eine beiden Lagern nahestehende Firma kontrolliere einen erheblichen Teil der Exporte und schaffe Einnahmen außer Landes. Absurd und aufschlussreich zugleich: Die Zentralbank in Tripolis bezahlt die Staatsdiener beider Seiten und finanziert damit beide Lager desselben Konflikts.

Die Flutkatastrophe von Derna im September 2023 steht an ihrem chronologischen Platz und ist der härteste Beleg der Folge. Der wissenschaftliche Befund besagt, dass Regen und Flut eine Wiederkehrperiode von einigen Jahrzehnten hatten; erst das Versagen der beiden Dämme hat den Schaden vervielfacht. Die Dämme stammten aus den siebziger Jahren, Risse waren seit Jahrzehnten dokumentiert, Geld für die Wartung stand in den Budgets, versickerte aber zwischen verfeindeten Zuständigkeiten. Gewarnt wurde vor Wind und Wellen, nicht vor den Dämmen, und eine Ausgangssperre hielt die Menschen in der Gefahrenzone. Ein zerfallener Staat tötet nicht nur durch Kugeln, sondern durch unterlassene Wartung.

Migration ab 2017: Libyen als Nadelöhr der Mittelmeerroute, der von der EU finanzierte und ausgerüstete Ausbau der Küstenwache und die Lager, in denen nach Feststellungen der Vereinten Nationen systematisch gefoltert, versklavt und erpresst wird.

Die Gegenwart: Aus Wagner wurde das staatlich geführte Africa Corps, mit ausgebauten Luftwaffenbasen und einem Vertrag über den Hafen von Tobruk; im Mai 2025 empfängt Putin Haftar in Moskau, russisches Material wandert von Syrien nach Ostlibyen. Die Türkei, die 2020 gegen Haftar kämpfte, unterhält seit April 2025 ein Verteidigungsabkommen mit dessen Sohn Saddam und steht damit auf beiden Seiten. Im April 2026 verabschieden die verfeindeten Lager den ersten gemeinsamen Haushalt seit 2013, es folgen gemeinsame Militärübungen bei Sirte, und im Juni 2026 ein von den USA vermitteltes Machtteilungsabkommen: Dbeiba bliebe Regierungschef, Haftar erhielte über eine dreiköpfige Präsidialexekutive bestimmenden Einfluss, voraussichtlich unter Führung seines Sohnes.

Zwei Streitfragen bleiben offen. Ist dieser Deal der einzige Ausweg aus fünfzehn Jahren Lähmung, weil die Zentralbank nicht dauerhaft zwei Regierungen finanzieren kann, oder die vertragliche Festschreibung der Herrschaft zweier bewaffneter Familien, die ausgerechnet jene belohnt, die die Wahl von 2021 verhindert haben? Und zweitens: Ist Europas Zusammenarbeit mit libyschen Kräften, inzwischen auch mit dem Osten, das kleinere Übel, oder ist sie, wie die UN-Untersuchungskommission feststellt, Beihilfe zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit? Beide Fragen bleiben ausdrücklich unentschieden.

Wo die Quellen streiten, benennt die Folge den Streit statt einer Zahl. Das betrifft die Opferzahlen von Derna, die Stärke der russischen Kräfte und die Zahl der abgefangenen Migranten.

Am Ende steht eine unbequeme Frage: Wir setzen selbstverständlich voraus, dass ein funktionierender Staat das Ziel jeder Elite sein muss und Staatszerfall ein Unfall ist. Was, wenn er für die Beteiligten in Libyen nie ein Unfall war, sondern ein Geschäftsmodell?

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Albrecht's Own Podcast @albrechts_podcast@castopod.sliplane.app Aug 25, 2026
36:07 Der Zerfall als Geschäftsmodell: Libyen nach Gaddafi, 2011 bis 2026
Aug 25, 2026
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