Weimars langer Sturz: Vom Kapp-Putsch bis zum 30. Januar 1933

Weimars langer Sturz: Vom Kapp-Putsch bis zum 30. Januar 1933

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Diese Folge ist als Spickzettel für die Geschichtsklausur und mündliche Prüfung der 10. Klasse Gymnasium gebaut. Statt einer trockenen Aufzählung von Jahreszahlen geht es um die Kausalkette: Warum musste die Weimarer Republik scheitern? Wir arbeiten auf Basis der zentralen schulischen Quellen — Bundeszentrale für politische Bildung, Lebendiges Museum Online, Bundesarchiv und Bundestag.

Den Einstieg bildet die Geburtslast der ersten deutschen Demokratie. Der Versailler Vertrag tritt am 10. Januar 1920 in Kraft und reduziert die Reichswehr brutal auf 100.000 Mann. Hunderttausende Soldaten und vor allem die rechtsgerichteten Freikorps stehen plötzlich auf der Straße. Diese Frustration trifft auf die perfide Dolchstoßlegende, mit der die alten militärischen Eliten den verlorenen Krieg den „Novemberverbrechern“ anhängen.

Im März 1920 entlädt sich das im Kapp-Lüttwitz-Putsch. Die Marinebrigade Ehrhardt soll aufgelöst werden, General Walther von Lüttwitz verweigert den Befehl und marschiert mit Wolfgang Kapp in Berlin ein — bereits mit Hakenkreuzen auf den Helmen. Reichspräsident Ebert und die Regierung müssen nach Stuttgart fliehen. Reichswehrchef Hans von Seeckt sagt seinen berühmten Satz „Truppe schießt nicht auf Truppe“. Was den Putsch nach 100 Stunden zerbricht, ist nicht das Militär, sondern der größte Generalstreik der deutschen Geschichte mit zwölf Millionen Beteiligten und die Verweigerung der Ministerialbürokratie.

Es folgt das Krisenjahr 1923 mit Ruhrkampf, passivem Widerstand, Hyperinflation und Hitlers gescheitertem Münchner Putsch. Gustav Stresemann reißt das Ruder mit Währungsreform und der Verständigungspolitik (Locarno 1925, Eintritt in den Völkerbund) herum. Die „Goldenen Zwanziger“ sind aber trügerisch — sie hängen vollständig an kurzfristigen US-Krediten.

Mit dem Schwarzen Freitag vom Oktober 1929 bricht das Fundament weg. Die Arbeitslosigkeit explodiert auf über sechs Millionen, und damit ist auch die schärfste demokratische Waffe stumpf: Ein Generalstreik wie 1920 wäre 1932 sofort von verzweifelten Streikbrechern unterlaufen worden. Im März 1930 zerbricht die Regierung Müller an der Arbeitslosenversicherung. Es beginnt die Zeit der Präsidialkabinette und der Notverordnungen nach Artikel 48.

Heinrich Brüning regiert mit Deflationspolitik gegen die Krise an — Steuern hoch, Löhne und Sozialleistungen runter. Politisch tödlich. Die SPD toleriert ihn aus purer Panik, weil die NSDAP bei den Septemberwahlen 1930 von 2,6 auf 18,3 Prozent geschossen ist. Franz von Papen vollzieht im Juli 1932 mit dem Preußenschlag einen Verfassungsbruch, der Hitler die entscheidende Lektion erteilt: Wer die Verfassung geschickt verbiegt, dem widersetzt sich niemand.

Der eigentliche Twist steht am Ende: Bei der Novemberwahl 1932 verliert die NSDAP zwei Millionen Stimmen, fällt auf 33,1 Prozent und ist fast pleite. Genau in diesem Moment überreden Papen, Großindustrielle und ostelbische Agrarier den greisen Hindenburg, Hitler zum Kanzler zu machen — in der Einrahmungstaktik glauben sie, ihn kontrollieren zu können. Der 30. Januar 1933 war kein Wahlsieg, sondern eine Machtübertragung durch antidemokratische Eliten.

Die provokante Schlussfrage der Folge: Das Institut für Konjunkturforschung meldete bereits im Oktober 1932 erste Erholungszeichen. Wurde Weimar womöglich genau in dem Moment ermordet, als der Patient anfing, sich zu erholen?