Multiples Organversagen — Wie die Weimarer Republik zerbrach

Multiples Organversagen — Wie die Weimarer Republik zerbrach

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Eine Demokratie stirbt selten daran, dass äußere Feinde sie überrennen. Sie stirbt meistens daran, dass ihre eigenen Konstruktionsfehler ihren Zerstörern legal die Werkzeuge in die Hand geben. Die Weimarer Republik ist der vielleicht klarste Lehrfall dafür.

In dieser Folge nehmen wir die erste deutsche Demokratie auseinander wie Unfallermittler eine eingestürzte Brücke und fragen: Warum hat der Stahl an dieser Stelle nachgegeben? Wir steigen ein bei den Parteien, die schon mit einem schweren Erbe aus dem Kaiserreich starteten — als reine Klientelvertretungen einzelner Milieus, programmatisch auf Opposition gepolt, ohne Erfahrung mit Regierungsverantwortung. SPD für die Arbeiterschaft, Zentrum für die Katholiken, DDP fürs liberale Bildungsbürgertum, DVP für Schwerindustrie und Großbürgertum, DNVP für ostelbische Großagrarier und Monarchisten, KPD für die Räterepublik, NSDAP für alle, die die Republik weghaben wollten. Das Ergebnis: 16 Reichsregierungen in 14 Jahren.

Wir sehen uns die architektonischen Schwachstellen der Verfassung an. Es gab keine Fünf-Prozent-Hürde — zeitweise saßen 15 Parteien im Reichstag. Schon nach der Wahl von 1920 verlor die Weimarer Koalition aus SPD, Zentrum und DDP ihre Mehrheit und holte sie nie wieder zurück. Bis zum Ende regierten fast nur Minderheitskabinette. Als Notfallsicherung hatte Hugo Preuß den Reichspräsidenten als „Ersatzkaiser“ eingebaut: Artikel 48 erlaubte ihm, Notverordnungen am Parlament vorbei zu erlassen, Artikel 25 das Parlament aufzulösen. Solange Friedrich Ebert dieses Amt hielt, funktionierte der Mechanismus. Mit Hindenburg ab 1925 lag der Generalschlüssel in der Hand eines Mannes, der das Haus eigentlich abreißen wollte.

Dazu die wirtschaftliche Achterbahn: Hyperinflation 1923, in der Notenpressen die Sparvermögen des Mittelstands pulverisieren. Dann die scheinbare Stabilisierung — die Goldenen Zwanziger als Kartenhaus auf US-Krediten, finanziert über den Dawes-Plan. Mit dem Schwarzen Donnerstag 1929 bricht alles zusammen, sechs Millionen Arbeitslose, kollabierende Sozialversicherung. Die existenzielle Verzweiflung treibt Wähler aus der Mitte an die Ränder. KPD und NSDAP bilden zusammen eine „negative Mehrheit“ — sie würden nie koalieren, können aber jede Regierung blockieren.

Ab 1930 regieren nur noch Präsidialkabinette: Brüning, Papen, Schleicher, alle gestützt auf Hindenburgs Notverordnungen. Brüning treibt mitten in der Krise eine brutale Deflationspolitik durch, kalkuliert nicht wirtschaftlich, sondern außenpolitisch — er will den Alliierten beweisen, dass Reparationen unmöglich sind. Die Lausanner Konferenz 1932 gibt ihm sogar recht. Innenpolitisch zerstört er den sozialen Frieden. Papen folgt mit dem Preußenschlag — der Absetzung der demokratisch gewählten preußischen Landesregierung per Notverordnung.

Und dann der entscheidende Punkt, gegen den Mythos vom unausweichlichen Hitler: Die Ernennung am 30. Januar 1933 war kein Naturereignis. Sie war eine eiskalte Fehleinschätzung der konservativen Eliten um Papen, die glaubten, Hitler in einem Kabinett aus zwei NSDAP-Ministern und überwiegend Konservativen „einrahmen“ und kontrollieren zu können. „In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht“ — so Papen damals. Sie händigten den Staat seinen Zerstörern aus.

Am Ende ein Blick auf die Konsequenzen für das Grundgesetz: keine Notverordnungen mehr, repräsentativer Bundespräsident, Fünf-Prozent-Hürde, wehrhafte Demokratie mit Ewigkeitsklausel. Die Weimarer Verfassung kannte das nicht — Artikel 76 erlaubte es, mit einer Zweidrittelmehrheit alles legal abzuschaffen, einschließlich der Demokratie selbst. Eine Frage zum Mitnehmen: Braucht eine Demokratie eiserne rote Linien, die selbst eine überwältigende Mehrheit nicht überschreiten darf — oder führt Toleranz gegenüber den Intoleranten zwangsläufig in den Selbstmord?

Quellen: Bundestag, Konrad-Adenauer-Stiftung, LeMO/Deutsches Historisches Museum, Wikipedia.