Weder tot noch lebendig: Hisham Matar und die Enteignung der Trauer

Weder tot noch lebendig: Hisham Matar und die Enteignung der Trauer

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Am 12. März 1990 holen Männer des ägyptischen Geheimdienstes Jaballa Matar aus seiner Wohnung in Kairo. Sie liefern ihn am Flughafen an libysche Agenten aus. Ein Privatjet bringt ihn nach Tripolis, in das Gefängnis Abu Salim, das die Häftlinge die letzte Station nannten. Sein Sohn Hisham ist zu diesem Zeitpunkt neunzehn und Student in London. Er weiß bis heute nicht, was mit seinem Vater geschehen ist.

Diese Folge setzt voraus, dass Sie „Die Rückkehr“ gelesen haben. Sie hält sich deshalb nicht mit Inhaltsangaben auf, sondern geht sofort auf die Frage, die das Buch trägt: Was macht ein Text aus einer Suche, die kein Ergebnis hat?

Jaballa Matar war kein leiser Kritiker. Er war Diplomat des libyschen Königreichs, arbeitete für die Vertretung bei den Vereinten Nationen in New York und wurde nach dem Bruch mit Gaddafi im Exil zu einer der wohlhabendsten und einflussreichsten Figuren der Opposition. Er saß im Exekutivkomitee der Nationalen Front zur Rettung Libyens, jenem Zirkel, der als Adschdabiya-Gruppe bekannt wurde, und unterhielt militärische Ausbildungslager im Tschad. Für Tripolis war er eine reale Bedrohung.

Aus Abu Salim gelangten drei geschmuggelte Briefe nach draußen. In einem schreibt er, die Grausamkeit dieses Ortes übertreffe alles, was man über die Bastille gelesen habe. Im selben Brief steht der Satz, der alles über ihn sagt: Meine Stirn weiß nicht, wie man sich beugt.

Dann bricht die Verbindung ab. Am 29. Juni 1996 lassen Sicherheitskräfte im Hof von Abu Salim über zwölfhundert Gefangene erschießen, nachdem der Geheimdienstchef Abdullah Sanussi Verhandlungsbereitschaft nur vorgetäuscht hatte. Die erdrückende Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass Jaballa Matar unter ihnen war. Es gibt keine Leiche, keinen Totenschein, kein Grab. Und 2002 tritt ein Mann an die Familie heran und behauptet, er habe ihn Jahre nach dem Massaker noch gesehen.

Die Folge arbeitet heraus, was das Verschwindenlassen als Herrschaftstechnik leistet: Es tötet nicht nur einen Menschen, es enteignet die Angehörigen um die Möglichkeit zu trauern. Wer hofft, rebelliert nicht. Die Mütter, die jahrelang Essen und Medikamente an das Gefängnistor brachten, das die Wärter schweigend entgegennahmen, sind das grausamste Bild dafür. Matar selbst schreibt, er beneide die Endgültigkeit von Beerdigungen.

Parallel dazu läuft ein diplomatisches Theater. Die Familie verhandelt in London mit Saif al-Islam Gaddafi, der sich dem Westen als das gebildete Gesicht des Regimes anbot, Onkel und Cousins freiließ und zum Schicksal des Vaters beharrlich schwieg. Auf britischer Seite: Tony Blairs Annäherung an Tripolis, Peter Mandelsons ausdrucksloser Blick von der Tribüne des House of Lords, und Außenminister David Miliband, der dem Sohn bedeutete, sein öffentlicher Protest sei kontraproduktiv. Der Suchende war störend.

Im Frühjahr 2012, nach dem Sturz des Regimes und dreiunddreißig Jahren Exil, kehrt Hisham Matar nach Libyen zurück. Es wird keine triumphale Heimkehr.

Der zweite Teil der Folge fächert die Kontroverse auf, die das Buch bis heute begleitet, und lässt sie ausdrücklich offen. Die eine Seite wirft Matar vor, das Leid zu ästhetisieren: Die Sprache sei so geschliffen, dass der Horror hinter einer eleganten Fassade verschwinde. Sie sieht die Perspektive einer westlich geprägten Exiloberschicht, eine politische Leerstelle dort, wo die Mitschuld des Westens benannt gehörte, und ein Ende, das angesichts des libyschen Zerfalls nach 2011 zu hoffnungsvoll klingt.

Die andere Seite hält dagegen, dass Zorn die einfachste Antwort gewesen wäre. Sie liest die Zurückhaltung als das stärkste Argument des Buchs: Hätte Matar ein hasserfülltes Buch geschrieben, hätte der Diktator am Ende bestimmt, wie die Seele seines Gegners auszusehen hat. Die vielzitierte Sanftmut des Buchs ist in dieser Lesart kein Eskapismus, sondern Widerstand. Dazu kommt die Parallele, die Matar selbst zieht: Telemachos, der sein eigenes Leben nicht beginnen kann, solange Odysseus weder tot noch lebendig ist.

Zur Rezeption, die im Gespräch zu kurz kommt: „Die Rückkehr“ gewann 2017 den Pulitzer-Preis für Biographie und Autobiographie, mit der Jurybegründung, es sei eine Elegie auf Heimat und Vater, die mit beherrschter Emotion Vergangenheit und Gegenwart einer umkämpften Region untersuche. Im selben Jahr kamen der Rathbones Folio Prize hinzu, den erstmals ein Sachbuch gewann, der erstmals vergebene PEN/Jean Stein Book Award, der französische Prix du livre étranger und in Deutschland der Geschwister-Scholl-Preis. Dazu Nominierungen für den Baillie Gifford Prize, den Costa Biography Award und den National Book Critics Circle Award. Die deutsche Ausgabe erschien im Februar 2017 bei Luchterhand in der Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence.

Am Ende steht die Frage, die über den Einzelfall hinausgeht: Wie schreibt eine Gesellschaft ihre Geschichte, wenn die Gräber leer bleiben? Ohne Wahrheit keine Versöhnung. Aber was, wenn die Wahrheit nicht mehr aufzufinden ist?

Erste Folge einer kleinen Reihe zu Hisham Matar. Es folgen eine Folge zu Gaddafis Libyen und eine zu „My Friends“.

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