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Das Wartezimmer war das Leben: Hisham Matars „Meine Freunde“

Das Wartezimmer war das Leben: Hisham Matars „Meine Freunde“

Aug 25, 2026 • 29min 59s

Episode description

Dritte und letzte Folge der Matar-Staffel: Hisham Matars Roman “My Friends” (2024), auf Deutsch “Meine Freunde”, seit November 2025 bei Luchterhand in der Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence. Diese Folge setzt die Lektüre voraus. Sie fasst nicht zusammen, sondern geht sofort auf Bauform, Deutung und Kritik.

Der Ausgangspunkt liegt am 17. April 1984 am Londoner St James’s Square. Aus der libyschen Botschaft wird auf eine Demonstration gefeuert, elf libysche Demonstranten werden verletzt, die Polizistin Yvonne Fletcher wird getötet. Die Folge erzählt diesen Tag nicht noch einmal aus, das war Gegenstand der Libyen-Folge. Sie fragt stattdessen, was er für zwei Studenten bedeutet, die aus Neugier und Übermut hingefahren waren, und die er aus einem gewählten in ein ungewähltes Leben stößt.

Matar war damals dreizehn und sah es in den Nachrichten. Jahre später freundete er sich mit zwei Männern an, die an jenem Tag angeschossen worden waren. Aus dieser Verbindung stammt sein Einwand, der in der Folge breiten Raum bekommt: Die Empörung galt fast ausschließlich der getöteten britischen Polizistin, die elf verletzten Libyer blieben eine Fußnote. Das ist die Mechanik einer Hierarchie des Leidens, und sie ist zugleich das Grundmotiv des Romans: das unsichtbare Leben.

Die Bauform ist das zweite große Thema. Über drei Jahrzehnte Exil werden auf einen einzigen Abend im Jahr 2016 verdichtet, auf einen zweistündigen Fußweg vom Bahnhof nach Shepherd’s Bush. Das Buch beginnt an seinem Ende und schließt sich zum Kreis, die Erinnerung folgt nicht dem Kalender, sondern den Orten. Die Folge arbeitet heraus, was diese Form leistet und was sie kostet: Sie modelliert Erinnerung als Landkarte statt als Chronologie, und sie opfert dafür jede konventionelle Spannung.

Die drei Freunde sind als Denkfigur angelegt: der Zaudernde, der Handelnde, der Schreibende. Dazu Matars provokante These, wie Menschen sich in historischen Extremlagen verhalten, habe weniger mit politischer Überzeugung zu tun als mit Temperament. Die Folge nimmt diese These ernst und widerspricht ihr auch: Wenn die Politik nur die Leinwand ist, auf die ein psychologisches Profil projiziert wird, was bleibt dann von politischer Haltung?

Weitere Stationen: das Telefonat mit den Eltern unter Abhörung und der Zwang, die eigene Familie zu belügen. Das Jahr 2011 als Bruchstelle zwischen denen, die zurückgehen, und denen, die bleiben, und die Einsicht, dass die Rückkehr nicht die Erlösung ist, als die sie sich anbietet, weil das erinnerte Libyen ohnehin ein Phantom war. Die Literatur als Überlebenstechnik: die im Radio vorgelesene Kurzgeschichte über den Mann, den seine eigene Katze frisst, und ihr reales Gegenstück, der 1980 vor der Londoner Zentralmoschee ermordete BBC-Journalist Mohammed Mustafa Ramadan.

Zum Werkzusammenhang: Alle Bücher Matars kreisen um Abwesenheit und Diktatur, im Zentrum steht der 1990 in Kairo entführte Vater Jaballa Matar. “The Return” von 2016 ist der Sachbuch-Zwilling desselben Stoffs. “Meine Freunde” ist Matars erstes Buch über libysche Exilanten, in dem die Figur des verfolgten Vaters nicht mehr das Gravitationszentrum bildet. Dazu die Entstehung: die erste Notiz auf einem Briefumschlag in Paris 2002 oder 2003, das Abbrechen 2011 und 2012 aus Mangel an Abstand, das Schreiben im Londoner Lockdown und die zweihundertfünfzig Manuskriptseiten, die Matar an die Wände seiner Wohnung heftete, um seinen eigenen Text ablaufen zu können.

Die Preise, belegt und vollständig: Orwell Prize for Political Fiction 2024, Longlist des Booker Prize 2024, Finalist des National Book Award 2024, Gewinner des National Book Critics Circle Award 2025. Zum Vergleich das Vorgängerbuch “The Return”, das 2017 den Pulitzer-Preis und den Rathbones Folio Prize erhielt.

Die Kontroverse bleibt offen. Auf der einen Seite die Einwände: zu langsam, handlungsarm, hundert Seiten zu lang, ein kraftloses Ende, ein enges bildungsbürgerliches Exilmilieu aus Cafés, Radio und Weltliteratur, und über Libyen selbst lerne man kaum etwas. Auf der anderen Seite die Gegenposition: Die Langsamkeit ist die Form, von der der Roman handelt, das Tempo des Erzählens folgt dem Tempo des Gehens, und der enge Radius ist kein Versäumnis des Autors, sondern die Lage seiner Figuren. Die Folge entscheidet diesen Streit ausdrücklich nicht.

Ein Nebenertrag der Recherche, den die Folge zweimal vorführt: Die Quellen widersprechen sich bei Kleinigkeiten. Aus welchem Stockwerk der Botschaft geschossen wurde, an welchem Bahnhof der Abschied stattfindet, wie viele Seiten das Buch hat. Statt einer Scheinpräzision benennt die Folge den Widerspruch.

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Albrecht's Own Podcast @albrechts_podcast@castopod.sliplane.app Aug 25, 2026
29:59 Das Wartezimmer war das Leben: Hisham Matars „Meine Freunde“
Aug 25, 2026
Das Wartezimmer war das Leben: Hisham Matars „Meine Freunde“
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