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Sykes-Picot: Der Bleistiftstrich, der den Nahen Osten bis heute zerreißt

Sykes-Picot: Der Bleistiftstrich, der den Nahen Osten bis heute zerreißt

Apr 19, 2026 • 16min 02s

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Im Mai 1916, mitten in einem Weltkrieg, zogen zwei Diplomaten eine Linie auf einer Karte – und veränderten damit den Nahen Osten für immer. Der britische Aristokrat Mark Sykes und der französische Diplomat François-Georges Picot teilten das zusammenbrechende Osmanische Reich in geheimen Hinterzimmergesprächen unter sich auf. Sykes beschrieb die Grenze mit einem legendären Satz: Er würde eine Linie ziehen „vom E von Akre bis zum letzten K von Kirkuk“ – ein Bleistiftstrich entlang von Städtenamen auf seiner englischen Karte, ohne Rücksicht auf Stammesgebiete, Religionen oder die Menschen vor Ort.

Was trieb die Kolonialmächte an? Großbritannien brauchte eine sichere Landbrücke nach Indien und hatte ein neues strategisches Interesse entdeckt: Öl. Genau bei Kirkuk, wo Sykes seinen Strich enden ließ, wurden Ölfelder erschlossen – existenziell für eine Flotte, die gerade von Kohle auf Öl umstellte. Frankreich berief sich auf jahrhundertealte „historische Rechte“ im Levant und verstand sich als Schutzmacht der christlichen Minderheiten, besonders der Maroniten im Libanon.

Das Perfide: Um das Osmanische Reich zu besiegen, brauchten die Briten genau die Araber, deren Land sie heimlich bereits aufgeteilt hatten. Es begann ein dreifaches Spiel. Den Arabern – konkret dem Scherifen Hussein von Mekka – wurde ein unabhängiger arabischer Großstaat versprochen, wenn sie gegen die Osmanen revoltierten. Gleichzeitig versprach die Balfour-Deklaration von 1917 den Zionisten eine nationale Heimstätte in Palästina. Und im Hintergrund galt weiterhin das geheime Sykes-Picot-Abkommen: Europa behielt die Kontrolle. Drei völlig unvereinbare Versprechen – gleichzeitig gemacht, alle in derselben Region.

T.E. Lawrence, bekannt als Lawrence von Arabien, ritt mit britischem Gold durch die Wüste und kaufte Beduinenstämme für den Aufstand. Sein kaum bekannter Gegenspieler war der österreichische Priester und Archäologe Alois Musil – alias Abu Musa –, der im Auftrag der Habsburger dasselbe auf der anderen Seite versuchte und dabei nebenbei bahnbrechende archäologische Arbeit leistete. Ein Stellvertreterkrieg mit Goldmünzen.

1917 flog das Doppelspiel spektakulär auf. Die Bolschewiki stürmten die russischen Archive, fanden das geheime Abkommen und druckten es in Pravda und Iswestija ab. Die arabische Welt erfuhr aus der Zeitung, dass sie verraten worden war – während ihre Soldaten noch für die Briten kämpften.

Beim Abkommen von San Remo 1920 wurden die Bleistiftstriche zur Realität. Ganze Völker wurden zerschnitten: Die Kurden, denen man einen eigenen Staat versprochen hatte, tauchten im späteren Vertrag von Lausanne nicht mehr auf und wurden auf vier Staaten aufgeteilt. Historisch verfeindete Gruppen wurden in neue, künstliche Staaten wie Irak und Syrien gepfercht. Frankreich und Großbritannien regierten als sogenannte „Mandatsmächte“ – ein Euphemismus für Kolonialherrschaft.

Aus dem tiefen Gefühl der Demütigung, das diese Fremdbestimmung hinterließ, entstand 1928 in Ägypten die Muslimbruderschaft. Ursprünglich keine rein religiöse, sondern eine hochpolitische Bewegung als Antwort auf britische Fremdherrschaft, wurde sie durch Sayyid Qutb später radikalisiert und militarisiert. Die künstlichen Staaten brachten brutale säkulare Diktatoren hervor, die Sowjetunion und die USA rüsteten verschiedene Lager auf, Jahrzehnte von Stellvertreterkriegen folgten.

Der arabische Frühling öffnete den Drucktopf. 2014 lieferte der sogenannte Islamische Staat ein schockierendes Bild: IS-Kämpfer walzten mit schwerem Gerät den Grenzposten zwischen Syrien und dem Irak nieder. Die Botschaft war bewusst gewählt: „Wir zerstören die kolonialen Sykes-Picot-Grenzen.“ Ein 100 Jahre altes Trauma wurde gezielt als Rekrutierungsinstrument eingesetzt.

Die eigentlich verstörende Pointe: Auch heute behandeln staatliche, westlich orientierte Akteure diese Grenzen als obsolet. Der US-Gesandte Tom Barrack bezeichnete sie als „bedeutungslose Linien für Israel“. Analysen des Middle East Eye sehen eine ideologische Linie vom Oded-Yinon-Plan der 1980er-Jahre – der die Zersplitterung arabischer Nachbarstaaten in ethnisch-religiöse Kantone vorsah – zur gegenwärtigen Realität: andauernde militärische Präsenz im Gazastreifen, Pufferzonen im Südlibanon, Vorstöße in syrische Gebiete nach dem Sturz Assads. ISIS von links und staatliche Akteure von rechts – beide sind sich in einem einig: Sykes-Picot ist am Ende.

Für die Zivilbevölkerung bedeutet das Verschwinden anerkannter Grenzen den Verlust jeden strukturellen Schutzes. Die Menschen sind erneut Verfügungsmasse für geopolitische Ambitionen. Was an die Stelle tritt, ist die offene Frage unserer Zeit: kleinstaatliche Zersplitterung entlang religiöser und ethnischer Linien – oder ein neuer Neokolonialismus aus digitalen Überwachungszonen, wirtschaftlich kontrollierten Korridoren und Ressourcenmonopolen.

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