Sunniten und Schiiten: Wie eine Frage den Islam spaltete

Sunniten und Schiiten: Wie eine Frage den Islam spaltete

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Wie kann eine einzige Frage, die vor über 1300 Jahren gestellt wurde, eine komplette Weltreligion spalten und bis heute die globale Weltpolitik prägen? In dieser Folge tauchen wir tief ein in die Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten — den beiden großen Strömungen des Islam.

Alles beginnt im Jahr 632 nach Christus in Medina. Der Prophet Mohammed stirbt, und mit ihm klafft ein gewaltiges Machtvakuum auf. Wer soll die junge islamische Gemeinschaft anführen? Zwei Lager bilden sich sofort: Die Mehrheit versammelt sich in einem Innenhof, der Sakifa, und wählt Abu Bakr — den erfahrenen Freund und Schwiegervater Mohammeds. Pragmatik und Stabilität stehen im Vordergrund. Die andere Seite sammelt sich um Ali, den Cousin und Schwiegersohn des Propheten. Sie berufen sich auf das Ereignis von Ghadir Khumm, wo Mohammed Alis Hand gehoben und ihn als Mawla bezeichnet haben soll — ein Wort, dessen Bedeutung bis heute umstritten ist.

Aus der Mehrheit werden die Sunniten, deren Name sich von Sunna (Brauch) ableitet. Aus der Partei Alis, der Schiat Ali, werden die Schiiten. Doch der eigentliche Urknall der Spaltung kommt erst 48 Jahre später: die Schlacht von Kerbela im Jahr 680. Hussein, Alis Sohn und Enkel des Propheten, stellt sich mit kaum 70 Männern einer Armee von 5000 Soldaten entgegen. Tagelang vom Wasser abgeschnitten, wird er getötet und enthauptet. Was militärisch eine winzige Scharmützelschlacht war, wird zum traumatischen Gründungsmoment der schiitischen Identität.

Theologisch unterscheiden sich die beiden Konfessionen weniger als man denkt — die Islamwissenschaftlerin Najla Al-Amin schätzt die Übereinstimmung auf 95 Prozent. Der entscheidende Unterschied liegt in der Frage der religiösen Autorität: Sunniten setzen auf den Konsens der Gemeinschaft und fehlbare Kalifen, Schiiten glauben an eine Linie göttlich erwählter, unfehlbarer Imame aus der Familie des Propheten. Diese Unterschiede zeigen sich auch im Alltag — etwa in der Gebetspraxis, bei Feiertagen wie Aschura oder in der Frage der Zeitehe.

Der moderne Konflikt hat weniger mit Religion zu tun als mit Geopolitik. Der Friedensforscher Jochen Hippler und die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur zeigen: Es geht um die Vormachtstellung am Persischen Golf — Saudi-Arabien gegen Iran. Die Religion dient als emotionaler Treibstoff. Die Islamische Revolution von 1979, der Irakkrieg 2003 und der Aufstieg des IS haben den Konflikt immer weiter eskaliert. Wenn staatliche Ordnungen kollabieren, ziehen sich Menschen auf ihre tiefsten konfessionellen Identitäten zurück.

Am Ende bleibt die Frage: Kann der Konflikt je wieder zu dem werden, was er im Kern ist — zwei verschiedene Äste am selben Baum?

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