Sechstagekrieg 1967 — Präventivschlag oder kalkulierte Eskalation?

Sechstagekrieg 1967 — Präventivschlag oder kalkulierte Eskalation?

Episode description

144 Stunden — sechs Tage, die im Juni 1967 die Landkarte des Nahen Ostens in Stücke rissen und sie für Jahrzehnte neu zeichneten. Der Sechstagekrieg ist bis heute das Schlüsselereignis, ohne das keine einzige Schlagzeile aus der Region wirklich verständlich wird. Diese Folge nimmt sich Zeit für die Vorgeschichte und die Eskalation — und für die Frage, ob Israels Erstschlag am 5. Juni ein berechtigter Präventivschlag war oder das Endprodukt einer kalkulierten Krise, die alle Seiten mit hineingerissen hat.

Der eigentliche Funke kam aus Moskau. Am 13. Mai 1967 streute der sowjetische Geheimdienst gegenüber Ägypten und Syrien die Falschmeldung, Israel habe zehn bis zwölf Brigaden an der syrischen Grenze zusammengezogen. UN-Beobachter und der ägyptische Generalstabschef wiesen das Gerücht sofort zurück — es gab dort schlicht keinen Aufmarsch. Trotzdem entwickelte die Lüge eine Eigendynamik, die das Pulverfass zünden sollte. Die Folge rekonstruiert das sowjetische Kalkül dahinter: ein gesichtswahrender Truppenabzug Ägyptens aus dem Jemen, eine Drohgebärde gegen Israel — und die fatale Unterschätzung der regionalen Eigendynamik, die Moskau dann nicht mehr kontrollieren konnte.

Nasser geriet unter Zugzwang. Als selbsternannter Anführer des panarabischen Nationalismus konnte er nicht tatenlos zusehen, wenn Syrien angeblich angegriffen wurde. Innerhalb weniger Tage fordert er den Abzug der UNEF-Blauhelme vom Sinai — und UN-Generalsekretär U Thant gibt nach. Am 22. Mai sperrt Ägypten die Straße von Tiran für israelische Schiffe und schneidet damit fast die gesamte Ölzufuhr Israels ab; ein Schritt, der seit 1957 als Casus Belli galt. Am 30. Mai schließt sich Jordanien dem ägyptisch-syrischen Verteidigungspakt an — gegen die eigenen Interessen König Husseins, getrieben vom Druck der palästinensischen Mehrheit im Land.

Die Folge beleuchtet auch die innere Lage Ägyptens: katastrophale Wirtschaftslage, der innenpolitische Zwang zu außenpolitischen Triumphen, die hetzerische Propaganda im Radiosender Saut al-Arab, historische Verbindungen der Muslimbruderschaft zu antisemitischen Narrativen, sogar die Rolle deutscher Ex-Nazis in der ägyptischen Aufrüstung. Diplomatische Auswege wie der Friedensvorschlag des tunesischen Präsidenten Bourguiba aus 1965 wurden als Verrat gebrandmarkt. Nasser, so die Analyse, war am Ende ein Gefangener seiner eigenen PR-Maschine — er wollte einen politischen Sieg ohne echten Krieg, einen kalkulierten Bluff.

Auf der anderen Seite herrschte in Israel existenzielle Panik. In einer Gesellschaft, die nur zwei Jahrzehnte nach dem Holocaust lebte, waren öffentliche Parks in Tel Aviv schon als Massengräber geweiht und Schützengräben ausgehoben. Premier Eshkol versuchte, diplomatische Auswege zu finden, scheiterte aber an einer berühmt-stotternden Radioansprache und an Washington, das nur die vage Zusage „Israel wird nicht allein sein, es sei denn es handelt allein“ anbot. Die Generäle Rabin und Dayan setzten auf einen Erstschlag.

Die Folge räumt mit dem David-gegen-Goliath-Mythos auf: Auf dem Papier waren die arabischen Truppen massiv überlegen, aber Israel hatte eine entscheidende qualitative, taktische und nachrichtendienstliche Überlegenheit — vom legendären Spion Eli Cohen, der den Syrern Eukalyptusbäume schenkte, die später ihre Bunker verrieten, bis zur präzisen Luftschlag-Planung. Am Morgen des 5. Juni zerstörte Israel in nur 180 Minuten fast die gesamte ägyptische und syrische Luftwaffe am Boden. Jordanien griff trotz israelischer Warnungen West-Jerusalem an — verleitet durch fabrizierte ägyptische Siegesmeldungen — und verlor dabei Ost-Jerusalem und das Westjordanland.

Diplomatisch wurde es zweimal brandgefährlich. Am 8. Juni griff Israel das US-Spionageschiff USS Liberty an und tötete 34 amerikanische Soldaten. Am 10. Juni drohte die Sowjetunion Washington unverhohlen mit direktem militärischem Eingreifen, falls Israel nicht stoppt — Präsident Johnson schickte daraufhin die 6. US-Flotte ins östliche Mittelmeer. Es stand kurz davor, in einen direkten Supermächte-Konflikt zu kippen.

Am Ende blieb ein politisches Beben: vervielfachtes Territorium, eine Million Palästinenser unter Besatzung, die Drei Neins von Khartum, der Tod des panarabischen Sozialismus, das Aufkommen religiösen Extremismus in dem entstandenen Machtvakuum. Die Folge schließt mit der prophetischen Warnung David Ben-Gurions, der wenige Tage nach dem Sieg in Tel Aviv die sofortige Rückgabe der eroberten Gebiete forderte — und damit auf den Punkt brachte, was bis heute den Schatten über die Region wirft: dass Grenzen in 144 Stunden verschoben werden können, die Wunden in der Gesellschaft aber nicht heilen.

No chapters are available for this episode.