Schwarzer September 1970: Guerillakrieg um Jordaniens Seele

Schwarzer September 1970: Guerillakrieg um Jordaniens Seele

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September 1970. In der jordanischen Wüste landen vier entführte Passagiermaschinen auf einem verlassenen Militärflugplatz. Die PFLP, George Habaschs marxistisch-leninistische Guerillagruppe, hat sie dorthin gezwungen und nennt den Ort provokant „Flugplatz der Revolution“. Was folgt, ist nicht nur ein Geiseldrama — es ist der Kulminationspunkt eines jahrelangen Machtkampfes zwischen dem jordanischen Staat und einer staatenlosen Guerilla-Bewegung.

Der Konflikt hat tiefe Wurzeln. Nach dem Sechstagekrieg 1967 strömten Hunderttausende palästinensische Flüchtlinge nach Jordanien. Die Fedajin, bewaffnete Kämpfer der PLO, bauten in den folgenden Jahren einen Staat im Staate auf: eigene Steuern, eigene Gerichte, eigene Straßensperren mitten in Amman. Für König Hussein wurde die Lage existenziell — seine Armee kontrollierte das eigene Territorium nicht mehr.

Die Schlacht von Karameh 1968 war ein entscheidender Wendepunkt. Als israelische Panzertruppen das Städtchen angriffen, leisteten PLO-Kämpfer mit jordanischer Unterstützung heftigen Widerstand. Arafat wurde über Nacht zum arabischen Helden, Zehntausende meldeten sich bei der Fatah. Amman verwandelte sich in einen Pilgerort der internationalen Linken — Che-Guevara-Poster, Mao in den Cafés, bewaffnete Milizionäre an Kreuzungen.

Innerhalb der PLO gab es fundamentale Differenzen. Arafats Fatah war nationalistisch und scheute die direkte Konfrontation mit den arabischen Gastgebern. Die PFLP unter Habasch hingegen war strikt marxistisch-leninistisch, betrachtete Jordaniens Monarchie als westliche Marionette und wollte die Revolution im gesamten arabischen Raum. Diese Differenz wurde am 6. September 1970 für alle sichtbar.

Die PFLP entführte innerhalb weniger Stunden vier westliche Passagiermaschinen — TWA, Swissair, Pan Am und BOAC. Drei Maschinen mit über 300 Geiseln landeten in der jordanischen Wüste. Einzig El-Al-Flug 219 konnte gerettet werden: Kapitän Uri Bar-Lev initiierte einen Sturzflug, der die Entführer unkontrolliert durch die Kabine schleuderte. Die Terroristin Leila Khaled wurde überwältigt, ihr Partner erschossen. Die anderen Maschinen aber standen tage lang in der Wüste, während die Entführer die Welt in Atem hielten — und schließlich die leeren Flugzeuge vor Weltpresskameras in die Luft sprengten.

Hussein erklärte das Kriegsrecht. Aber sein eigentliches Problem war nicht die PLO allein — es waren die 20.000 irakischen Soldaten mit 200 Panzern, die seit 1967 im Land stationiert waren und offen mit den Fedajin sympathisierten. Ein Angriff auf die PLO-Lager drohte, einen Zweifrontenkrieg auszulösen.

Der jordanische Geheimdienstchef löste dieses Problem mit einem brillanten Bluff: Er beschaffte echte NATO-Dokumente aus Brüssel, ließ sie fälschen und spielte sie als vermeintliche US-Invasionspläne über Doppelagenten an die irakische Führung. Als der Bürgerkrieg begann, bewegten die Iraker keinen einzigen Panzer.

Gleichzeitig marschierte Syrien von Norden ein — 300 Panzer, getarnt als palästinensische Befreiungsarmee. Die jordanische Luftwaffe schlug sie zurück und vernichtete über 120 syrische Panzer. Dass die syrische Luftwaffe dabei am Boden blieb, hatte nichts mit Kriegsstrategie zu tun: Verteidigungsminister Hafiz al-Assad verweigerte die Unterstützung, um seinen internen Rivalen Salah Jadid scheitern zu lassen. Assad nutzte hunderte Soldatenleben als Faustpfand im Machtkampf seiner eigenen Baath-Partei — und übernahm wenig später die Macht in Damaskus.

Ägyptens Präsident Nasser vermittelte einen Waffenstillstand. Er starb einen Tag nach dessen Unterzeichnung an einem Herzinfarkt. Ohne Nassers diplomatischen Schutzschirm trieb Hussein die PLO bis Juli 1971 komplett aus dem Land. Beim Ajlun-Feldzug kapitulierten die letzten 2.000 Fedajin.

Die Folgen hallten Jahrzehnte nach. Die vertriebenen Kämpfer zogen in den Libanon, wo sie exakt denselben Prozess wiederholten — und mit zum Ausbruch des libanesischen Bürgerkriegs 1975 beitrugen. Die Terrororganisation „Schwarzer September“, gegründet aus dem Racheimpuls der Vertriebenen, ermordete 1971 den jordanischen Premierminister Wasfi Tal in Kairo und verübte 1972 das Olympia-Attentat in München, bei dem elf israelische Athleten starben.

Was bleibt, ist eine unbequeme Erkenntnis: Wer einen Aufstand mit maximaler Härte zerschlägt, löst das Problem nicht. Er verschiebt es — unkontrollierter, radikalisierter, in den Rest der Welt.

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