Panzer ohne Regierung: Prag 1968 und der Mythos der NVA

Panzer ohne Regierung: Prag 1968 und der Mythos der NVA

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In der Nacht auf den 21. August 1968 besetzen rund eine halbe Million Soldaten und 6.300 Panzer die Tschechoslowakei. Militärisch ist das Land in wenigen Stunden erledigt. Politisch beginnt für Moskau in diesem Moment das Desaster. Diese Folge rekonstruiert streng chronologisch, wie es dazu kam und was danach geschah – von der Krise 1967 bis zur Normalisierung 1969.

Am Anfang steht kein Volksaufstand, sondern ein Schriftstellerkongress. Im Juni 1967 greifen Intellektuelle in Prag offen die Zensur an. Parteichef Antonín Novotný antwortet mit Publikationsverboten und Ausschlüssen – und erreicht das Gegenteil: Die Presse lässt sich nicht mehr einfangen, die Journalisten schreiben zwischen den Zeilen, und die Zensoren wissen selbst nicht mehr, wie streng sie sein dürfen. Im Oktober 1967 prügelt die Bereitschaftspolizei im Dunkeln auf Studenten ein, die im Wohnheim Strahov für funktionierendes Licht demonstriert hatten. Härte ohne Rückhalt offenbart nur Panik. Als Novotný in Moskau um Unterstützung bittet, lässt Breschnew ihn fallen.

Am 5. Januar 1968 übernimmt Alexander Dubček. Moskau hält ihn für einen loyalen Apparatschik, und genau das war er auch – er wollte den Sozialismus reparieren, nicht abschaffen. Die Zensur fällt nicht durch einen feierlichen Akt, sondern implodiert von innen: Die Behörde stellt schlicht die Arbeit ein. Am 5. April beschließt die Partei das Aktionsprogramm mit Rede-, Reise- und Versammlungsfreiheit. Dubčeks Tragik liegt in der Annahme, militärische Bündnistreue genüge Moskau, solange man innenpolitisch frei sei. Für den Ostblock aber war die innenpolitische Diktatur genau der Kitt des Bündnisses.

Am 27. Juni veröffentlicht Ludvík Vaculík das Manifest der Zweitausend Worte. Es ist kein Parteipapier mehr, sondern ein Aufruf aus der Gesellschaft, und für die Nachbarstaaten der Beweis, dass die Reform in eine Konterrevolution gekippt ist. Im Juli folgt der Warschauer Brief der Fünf, Ende Juli die Zermürbungsverhandlungen im Grenzort Čierna nad Tisou.

Hier liegt der erste zentrale Befund: Die Invasion war kein sowjetischer Alleingang. Breschnew zögerte lange. Gedrängt haben die Verbündeten – Gomułka, Schiwkow und vor allem Walter Ulbricht, der die Grenze zur Tschechoslowakei als existenzielle Bedrohung sah und die deutschsprachigen Sendungen von Radio Prag stören ließ. Ein freies Prag war für ihn gefährlicher als die NATO.

Und doch marschierte die Nationale Volksarmee nicht ein. Ulbricht hatte zwei Divisionen gefechtsbereit an der Grenze, unter sowjetischem Kommando – der Marschbefehl kam nie. Moskau stoppte sie, weil der Anblick deutscher Uniformen in Prag das Trauma von 1938 und 1939 geweckt und aus zivilem Ungehorsam einen bewaffneten Aufstand gemacht hätte. Die SED-Propaganda feierte den Einsatz trotzdem und inszenierte die Bilder dafür in den Wäldern der DDR.

Der Widerstand nach dem Einmarsch war unbewaffnet und wirksam: demontierte und verdrehte Straßenschilder, auf tote Gleise umgeleitete Nachschubzüge, mobile Radiosender in fahrenden Autos, damit die Peilwagen sie nicht orten konnten.

Der zweite Befund löst das Paradox vom Anfang auf. Der Plan sah eine Kollaborationsregierung vor, gebildet aus jenen Reformgegnern, die Moskau um “brüderliche Hilfe” gebeten hatten. Sie kam nie zustande. Die Reformer organisierten in einer Maschinenfabrik im Prager Stadtteil Vysočany einen heimlichen Parteitag, der die Invasion verurteilte, und Präsident Ludvík Svoboda weigerte sich, die ausgewählten Männer zu vereidigen. Damit standen die Sowjets in einem besetzten Land ohne jemanden, der es für sie regierte – und mussten ihre eigenen Gefangenen an den Verhandlungstisch holen. Das Moskauer Protokoll war eine Kapitulation, aber Dubček blieb zunächst im Amt. Die Reformen wurden nicht in einer Nacht zurückgenommen, sondern über acht Monate hinweg abgewürgt.

1969 folgt die Zeit, welche die Partei zynisch “Normalisierung” nannte. Im Januar verbrennt sich der Student Jan Palach auf dem Wenzelsplatz, sein Begräbnis wird zum Schweigemarsch. Im März eskalieren die Feiern nach dem Eishockeysieg über die Sowjetunion, das Aeroflot-Büro wird verwüstet – Moskau nimmt das zum Anlass. Im April übernimmt Gustáv Husák. Die Mitgliederzahl der Partei sinkt in den folgenden Jahren um rund eine halbe Million; Professoren, Journalisten und Künstler arbeiten als Fensterputzer, Heizer und Taxifahrer. Am ersten Jahrestag der Invasion schlagen nicht mehr sowjetische Panzer die Proteste nieder, sondern tschechoslowakische Sicherheitskräfte. Das Gesetz, das dies ermöglichte, musste Dubček selbst unterschreiben.

Am Ende steht ein Gedanke, der über 1969 hinausreicht: Die Normalisierung erzwang eine negative Selektion, in der Gehorsam belohnt wurde und nicht Kompetenz. Indem sie jeden Freigeist an den Rand der Gesellschaft drängte, schuf sie zugleich eine widerstandsfähige Parallelgesellschaft, aus der Jahre später die Charta 77 hervorging.