Max Liebermann: Vom Schmutzmaler zur Kunstmacht und zurück ins Nichts

Max Liebermann: Vom Schmutzmaler zur Kunstmacht und zurück ins Nichts

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Am Abend des 30. Januar 1933 steht ein 85-jähriger Mann an einem Fenster am Pariser Platz und schaut hinunter auf den Fackelzug der Nationalsozialisten durchs Brandenburger Tor. Sein berühmt gewordener Satz — „Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte“ — markiert nicht nur das Ende einer Biografie, sondern den Sturz einer ganzen Epoche. Der Mann ist Max Liebermann: weltberühmter Maler, hochdekorierter Ehrenbürger Berlins, jüdischer Großbürger — und Architekt jener kulturellen Moderne, die die Nazis gerade systematisch demontieren werden.

In dieser Folge gehen wir Liebermanns Leben und seine Rezeption gleichgewichtig durch. Wir beginnen beim Erben einer schwerreichen jüdischen Textilfabrikantenfamilie, der ein notorisch schlechter Schüler war, sich der Familienlinie verweigerte und gegen den Willen des Vaters Maler werden wollte. Wir verfolgen seinen ersten Skandal — die „Gänserupferinnen“ von 1872 mit ihrer ungeschönten Darstellung harter Arbeit, die ihm den abschätzigen Titel „Schmutzmaler“ einbrachte. Wir analysieren, ob diese naturalistische Programmatik bloß elitäre Pose eines reichen Erben war, oder eine ernst gemeinte Suche nach Wahrhaftigkeit gegen die erlogene akademische Repräsentationskunst.

Den großen Wendepunkt bildet 1879 das Bild „Der zwölfjährige Jesus im Tempel“. Liebermann porträtiert Jesus historisch korrekt als unrasierten, barfüßigen jüdischen Jungen mit Schläfenlocken — und löst eine antisemitische Hetzjagd bis in den Bayerischen Landtag aus. Der Druck war so groß, dass er das Bild später übermalt. Wir zeigen, wie aus dem verhassten „Schmutzmaler“ über das Studium von Frans Hals, Rembrandt und der Schule von Barbizon der Erfinder der „Liebermannschen Sonnenflecken“ und damit der zentrale Pionier des deutschen Impressionismus wurde.

Die zweite Hälfte seiner Karriere ist die einer Kunstmacht: 1898 gründet er die Berliner Secession und stürzt das kaiserliche Geschmacksdiktat. Die Geschichte um den Hamburger Bürgermeister Petersen — dessen ungeschöntes Altersporträt jahrelang hinter einem Vorhang versteckt werden musste — illustriert seinen Realismus auch im Erfolg. Als Akademiepräsident ab 1920 wird er zum Repräsentanten der liberalen Kunstpolitik der Weimarer Republik. Wir streifen aber auch die unbequeme Episode 1910/11, in der er als Secessions-Präsident expressionistische Bilder zurückweist und zum Gatekeeper wird, den er einst bekämpfte.

Den langen Schatten ab 1933 entfalten wir ausführlich. Liebermann tritt im Mai 1933 aus der Akademie aus, um seinem Rauswurf zuvorzukommen, und stirbt am 8. Februar 1935 in völliger Isolation — kaum ein nichtjüdischer Künstler traut sich auf die Beerdigung. Die zentrale Tragödie der Nachkriegsgeschichte aber ist Martha Liebermann. Wir rekonstruieren die eiskalte administrative Strangulierung: Judenbann am Pariser Platz, Zwangsverkauf der Wannsee-Villa an die Reichspost, „Sicherungskonto“ ohne Zugriff, „Sühneabgabe“ von 665.000 Reichsmark, „Heimeinkaufsvertrag“ für Theresienstadt für 72.400 Reichsmark, und die diabolische Catch-22-Konstellation aus Reichsfluchtsteuer und Devisenverbot. Am 10. März 1943 nimmt sich Martha das Leben, kurz bevor die Deportation bevorsteht.

Im Bonusteil ordnen wir die aktuelle Restitutionspraxis ein — entlang der Empfehlung der Beratenden Kommission von 2024 zur Menzel-Zeichnung „Bauarbeiter“ aus Liebermann-Besitz — und fragen, was es heißt, dass Liebermann nach 1945 lange als „großer deutscher Maler“ rehabilitiert wurde, während die jüdische Dimension seines Schicksals erst spät in den Vordergrund rückte.