Martin Buber: Ich und Du, Chassidismus, Brit Schalom

Martin Buber: Ich und Du, Chassidismus, Brit Schalom

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Eine Einführung in Leben und Werk Martin Bubers (1878–1965), des wohl einflussreichsten jüdischen Religionsphilosophen des 20. Jahrhunderts. Die Folge spannt den Bogen von einem Kindheitstrauma in Lemberg bis zu Bubers Rolle als prophetischer Mahner im Israel der ersten Staatsjahre.

Ausgangspunkt ist Bubers eigener Begriff der „Vergegnung“: die Tragödie der verfehlten Beziehung, bei der zwei Menschen einander zwar gegenüberstehen, sich aber in keiner Weise wirklich erreichen. Buber selbst datierte diese Erfahrung auf den Moment, als seine Mutter ihn als Vierjährigen verließ — und auf eine spätere, tonlose Wiederbegegnung 20 Jahre danach. Aus dieser Wunde wuchs sein lebenslanges philosophisches Projekt.

Die berühmte Stallszene mit dem Apfelschimmel auf dem Gut des Großvaters illustriert die Geburt des dialogischen Prinzips: das absolute Andere des Tieres, das stille Einverständnis, und der Moment, in dem das reflektierende Bewusstsein die Begegnung zerstört. Aus diesem Erlebnis destilliert Buber später die beiden Grundworte des 1923 erschienenen Hauptwerks „Ich und Du“ — den Ich-Es-Modus, in dem die Welt zum nutzbaren Gegenstand wird, und den Ich-Du-Modus echter, unmittelbarer Begegnung. „Der Mensch wird erst am Du zum Ich“ — dieser Satz ist das Zentrum seiner philosophischen Anthropologie.

Wir übersetzen die Theorie in heutige Lebenswelten: Dating-Apps als perfektionierte Ich-Es-Maschinen, die Gig-Ökonomie, in der Menschen zu GPS-Punkten werden, und die Algorithmen der sozialen Netzwerke, die uns die Illusion von Verbundenheit liefern und gleichzeitig die Vergegnung kollektivieren.

Ein eigener Block gilt Bubers Deutung des Chassidismus — und der vernichtenden Kritik Gershom Scholems daran. Buber sah in der osteuropäischen Frömmigkeitsbewegung das gelebte Ich-Du-Prinzip; Scholem, der präzise Kabbala-Historiker, warf ihm vor, einen weichgezeichneten Salon-Chassidismus erfunden zu haben, der die lurianische Kabbala, das Konzept der gefangenen Lichtfunken und die halakische Strenge ausblendet. Der Streit ist mehr als akademisch: er berührt die Frage, ob religiöse Tradition für die Gegenwart umgedeutet werden darf — und um welchen Preis.

Eine ungenannte, aber unverzichtbare Figur ist Paula Winkler, Bubers Frau: aus katholischem Münchener Milieu zum Judentum konvertiert, eine eigenständige Denkerin und das erzählerische Rückgrat seiner chassidischen Sammlungen.

Im zweiten Hauptteil zeichnen wir Bubers politisches Wirken nach: den hebräischen Humanismus als Gegenentwurf zum „leeren Nationalismus“ Theodor Herzls, die Mitgründung der Brit Schalom 1925, das radikale Programm eines binationalen Staates in Palästina mit dreisprachigen Beamten, gemeinsamen Krankenhäusern, dem eisernen Prinzip „keine Majorisierung“. Wir hören das berühmte Treffen Kalwarisky/Abdul Hadi, in dem die Realpolitik die Begegnungs-Rhetorik entlarvt: solange die Brit Schalom für unbegrenzte jüdische Einwanderung eintrat, blieb sie für die arabischen Führer nur eine sanftere Variante desselben Endziels.

1938 flieht Buber im letzten Moment aus Heppenheim nach Jerusalem — und wird dort zum unbequemen Propheten. Sein Zorn gegen die Irgun, sein paradoxer Satz „Ich fürchte, dass ein Sieg der Juden eine Niederlage des Zionismus bedeuten wird“, seine Lesart des biblischen Richterbuchs als Vision einer „Königsherrschaft Gottes“ jenseits jeden menschlichen Souverän — all das macht ihn zu einer einsamen Stimme im Israel der ersten Jahre. Bis zu seinem Tod 1965 forderte er die historische Anerkennung des Unrechts an den palästinensischen Flüchtlingen als Voraussetzung jeder künftigen Ich-Du-Beziehung zwischen den Völkern.

Die Folge endet mit der Frage, die Bubers Diagnose unserer digitalen Gegenwart stellt: ob die globale Ich-Es-Maschine der Plattformen uns nicht alle wieder in jenen Flur zurückzwingt, in dem der vierjährige Buber stand — umgeben von flimmernden Bildschirmen, ohne ein echtes Du.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy, jcrelations.net, Vorträge von Prof. Michael Zank (Katholische Akademie Berlin) und Dr. Bernd Aretz, Gershom Scholems „Martin Buber’s Hasidism“ in Commentary Magazine.

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