Lesser Ury — Der Maler Berlins im Schatten Liebermanns

Lesser Ury — Der Maler Berlins im Schatten Liebermanns

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Berlin in den 1880er Jahren: Das alte Gaslicht weicht den ersten elektrischen Scheinwerfern, und ein deutsch-jüdischer Maler aus Birnbaum in der Provinz Posen entdeckt darin sein Lebensthema. Lesser Ury (1861–1931) malt die Großstadt bei Nacht und Regen, die Spiegelungen auf nassem Asphalt, die einsamen Gestalten in beleuchteten Cafés. Das Café Bauer am Boulevard ist ab 1884 elektrifiziert — während der Rest Berlins noch im Funzellicht tappt, brennt dort gleißender Strom, liegen 600 internationale Zeitungen aus, lesen die Gäste bis tief in die Nacht.

Diese Folge erzählt das Leben eines Mannes, der den entscheidenden Übergang zur Moderne in Bilder gegossen hat — und dafür von der Kunstwelt jahrzehntelang abgestraft wurde.

Stilistisch sitzt Ury zwischen den Stühlen. Die französischen Impressionisten lösen Schatten in Blau und Violett auf; Ury setzt Schwarz wie eine Waffe ein, schichtet es dick auf die Leinwand und zieht nass-in-nass grelle Gelb- und Weißtöne hinein. Seine Cafészenen sind atmosphärisch impressionistisch, seine Figuren aber hart realistisch — und psychologisch isoliert. Die Menschen sitzen Schulter an Schulter und sind sich doch meilenweit fremd.

Roter Faden der Folge ist die toxische Feindschaft mit Max Liebermann, dem Präsidenten der Berliner Secession. Anfangs fördert ihn der mächtige Großbürger; um 1890/92 zerbricht das Verhältnis brutal. Ury behauptet im Kollegenkreis, er habe die Lichteffekte in Liebermanns berühmtem Gemälde „Flachsscheuer in Laren“ nachgemalt. Liebermanns vernichtende Antwort wird zur Anekdote der Kunstgeschichte: Er werde erst dann den Staatsanwalt bemühen, wenn Ury behaupte, er, Liebermann, habe Urys Bilder gemalt. Die Konsequenz: Liebermann blockiert Urys Karriere systematisch. Wer in der Berliner Secession nicht ausstellen darf, existiert auf dem Kunstmarkt nicht.

Dieser Ausschluss formt Urys Werk. Aus der Tageslichtwelt der Berliner Elite verbannt, zieht er sich in sein Atelier am Nollendorfplatz zurück, schaut nachts in den Regen — und erfindet das nächtliche Berlin als Bildmotiv. Gleichzeitig besinnt er sich auf seine jüdischen Wurzeln, anders als der assimilierte Liebermann. Es entstehen biblische Großgemälde wie „Jeremias“, „Rebekka am Brunnen“ und „Jerusalem“, die der Religionsphilosoph Martin Buber „Seelenlandschaften“ nennt — keine strafenden Propheten, kein orientalisches Spektakel, sondern stille, friedliche Abendstimmungen.

Erst spät kommen die Ehrungen. 1921, mit 60 Jahren, ernennt ihn der Berliner Bürgermeister zum „künstlerischen Verherrlicher der Reichshauptstadt“. 1931 plant die Nationalgalerie eine große Sonderausstellung zu seinem 70. Geburtstag — ausgerechnet zusammen mit der Berliner Secession, die ihn unter Liebermann ausgegrenzt hatte. Doch Ury stirbt drei Wochen vor der Eröffnung. Aus dem geplanten Triumph wird eine Gedenkschau.

Die Folge räumt auch mit einem hartnäckigen Mythos auf: Die Nazis hätten die Hälfte seines Werks vernichtet. Tatsächlich fanden sich nach seinem Tod im Atelier 30.000 Reichsmark in bar und ein riesiger Bilderschatz. Der Nachlass wurde 1932 bei Paul Cassirer versteigert und verstreute sich in Sammlungen weltweit — was den heutigen Kunstmarkt erklärt: 2017 erzielte ein wiederentdecktes Pastell vom Alexanderplatz bei Christie’s fast 245.000 Euro, ein „Brandenburger Tor“ 2021 bei Ketterer 270.000 Euro.

Ury hat unsere kollektive Vorstellung der „goldenen Zwanziger“ geprägt. Wenn wir heute an das historische Berlin denken — nasse Melancholie, spiegelnde Straßen, Lichter im Nebel — sehen wir es durch seine Augen.

Quellen: Leo Baeck Institute, Weltkunst, Jüdische Allgemeine, Liebermann-Villa Berlin, Museum LA8 Baden-Baden, deutsche Wikipedia.