Wie unpolitisch kann jemand sein, dessen Biografie ausschließlich aus politischen Brüchen besteht? Milan Kundera hat zeitlebens verlangt, seine Romane rein als Romane zu lesen: keine politischen Manifeste, keine autobiografischen Schlüssellöcher. Diese Folge lässt Werk und Ereignisgeschichte beiseite und nimmt sich die Person vor.
Der Weg führt streng chronologisch durch die Brüche. Geboren 1929 in Brünn als Sohn eines Pianisten und Rektors der dortigen Musikhochschule, tritt Kundera 1948, im Jahr des kommunistischen Umsturzes, als blutjunger Abiturient in die Partei ein. Nicht als Opportunist: Er wird überzeugter Parteidichter. Sein Debütband „Der Mensch, ein weiter Garten“ von 1953 ist sozialistischer Realismus im Lehrbuchsinn.
Der erste Riss kommt früher, als die Werkchronologie vermuten lässt. Schon 1950 wird er wegen „feindlichen Denkens und individualistischer Neigungen“ aus der Partei ausgeschlossen und muss sein Filmstudium zwei Jahre unterbrechen. Der Vorwurf ist aufschlussreich: In einem System, das totale Gleichschaltung verlangt, ist Individualismus ein Befund, kein Vorwurf unter vielen. 1956 kehrt er trotzdem freiwillig zurück. Die Folge arbeitet heraus, warum: Außerhalb der Partei existierte man als Schriftsteller im öffentlichen Diskurs schlicht nicht.
1967 kommt der Schlüsselmoment. Auf dem IV. Schriftstellerkongress vertritt Kundera die These, kleine Nationen müssten ihre Existenzberechtigung fortwährend neu erbringen, und zwar ausschließlich durch ihren Beitrag zur europäischen Kultur. Kultur wird damit zur Überlebensstrategie – ein brillanter und zugleich riskanter Zug, der ihn zur Leitfigur der Reformbewegung macht. Nach dem August 1968 folgt der Absturz: Lehrstuhl weg, zweiter und endgültiger Parteiausschluss, Ausschluss aus dem Schriftstellerverband, sämtliche Bücher aus Buchhandlungen und Bibliotheken entfernt.
Drei Kontroversen tragen die Folge, und keine wird aufgelöst.
Erstens der Streit mit Václav Havel. Kunderas Essay „Das tschechische Los“ von Ende 1968 deutet den Prager Frühling als historisch einmaligen dritten Weg zwischen östlichem Dogmatismus und westlichem Kapitalismus. Havel, Pragmatiker und nüchterner Analytiker der Machtverhältnisse, sieht darin nur den verzweifelten Versuch, herzustellen, was im Westen selbstverständlich war, und wirft Kundera eine „blinde patriotische Aufwallung“ vor. Der Kritiker Milan Jungmann geht weiter: Kundera passe Texte und öffentliches Auftreten strategisch an die Erwartungen westlicher Leser an, er spiele den gequälten ostmitteleuropäischen Dissidenten, weil das in Paris und New York ankomme. Entscheidende Unterscheidung, auf der die Folge besteht: Diese Kälte kam von der Fachkritik und den intellektuellen Zeitgenossen. Die tschechische Leserschaft sah es umgekehrt – als seine Bücher endlich auf Tschechisch erscheinen durften, wurden sie umgehend zu Bestsellern.
Zweitens die Kontrolle über das eigene Bild. Nach Emigration 1975 und Ausbürgerung 1979 zieht Kundera eine Mauer hoch: ab 1985 keine mündlichen Interviews mehr, keine Fernsehauftritte, Übersetzungen eigenhändig überwacht, redaktionelle Eingriffe verboten. In der Pléiade-Ausgabe, dem Olymp für französische Autoren, streicht er sein stalinistisches Frühwerk aus dem Verzeichnis. Zwei Deutungen bekommen gleiches Gewicht: künstlerische Notwehr zum Schutz des Romans als autonomer Form – oder ein eleganter Fluchtweg, der davor bewahrt, je wieder unangenehme Fragen zur eigenen Vergangenheit beantworten zu müssen.
Drittens die Denunziationsaffäre von 2008. Der Historiker Adam Hradilek findet einen Polizeivermerk vom 14. März 1950, wonach der Student Kundera den Kurier Miroslav Dvořáček an die Staatssicherheit StB gemeldet habe; Dvořáček saß 14 Jahre, viele davon im Uranbergbau. Die Folge seziert die Beweislage mit dem Skalpell. Belegt: Der Vermerk gilt Experten als authentisch, ein Aktenfund von 1952 stützt ihn. Offen: Auf dem Vermerk fehlt Kunderas Unterschrift, und die Frage, ob er wusste, wen er meldete, hängt an einer Kette aus Hörensagen über einen längst Verstorbenen. Der Literaturhistoriker Zdeněk Pešat vertritt sogar die Gegenthese, ein anderer habe Dvořáček verraten und Kunderas Namen nachträglich vorgeschoben. Kundera dementierte kategorisch – klagte aber nie. Ein Urteil spricht die Folge ausdrücklich nicht.
Auch der Mitteleuropa-Essay von 1983 bekommt seine Gegenprobe. „Der entführte Westen“ verschob die europäische Landkarte: Polen, Ungarn und die Tschechoslowakei seien kulturell westlich und politisch vom sowjetischen Osten gekidnappt worden. Der Literaturwissenschaftler Przemysław Czapliński zeigt die blinden Flecken – die mörderischen Nationalismen, den Antisemitismus und die Konflikte der Zwischenkriegszeit blendet Kundera aus. Und wenn er die „Kultur des Volkes“ beschwört, meint er nicht gelebte Kultur, sondern Schönberg, Kafka, Musil und den Prager Strukturalismus. Sein Mitteleuropa ist ein exklusiver Literatursalon, in dem die Sowjets ungebeten auftauchten.
Am Ende bleibt eine Frage, die über Kundera hinausgeht: Wenn wir Künstlerbiografien nach moralischen Makeln durchkämmen – müssen wir den Autor vernichten, um das Buch zu retten?