Kunderas Labor: Kitsch, Männerblick und der Riss zwischen Ost und West

Kunderas Labor: Kitsch, Männerblick und der Riss zwischen Ost und West

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Wer diesen Roman gelesen hat, kennt die Geschichte von Tomas, Tereza, Sabina und Franz. Diese Folge erzählt sie nicht noch einmal nach. Sie fragt stattdessen, was die Literaturwissenschaft aus dem Buch gemacht hat, und das ist erheblich mehr Streit, als der Ruf des Klassikers vermuten lässt.

Am Anfang steht die Machart. Kundera bricht den unausgesprochenen Pakt zwischen Autor und Leser, nach dem Figuren atmen sollen wie Menschen aus Fleisch und Blut. Er stellt sich mitten ins Bild und erklärt, seine Figuren seien nicht aus dem Bauch einer Mutter geboren, sondern aus einer Metapher. Tomas entsteht aus dem Sprichwort “Einmal ist keinmal”, Tereza aus dem Knurren eines Magens. Der Erzähler tritt an jeder Abzweigung vor die Glasscheibe wie ein Wissenschaftler im weißen Kittel und erklärt, was die Figur gerade empfindet. Eine Verteidigung dieser Technik lautet: Kundera wollte einem westlichen Publikum, das von Prag wenig wusste, die historische Enzyklopädie gleich mitliefern. Der Einwand dagegen ist scharf: Ein Autor, der sein Leben lang totalitäre Systeme kritisiert, errichtet über seine eigenen Geschöpfe eine kleine Diktatur.

Der politische Kern des Buches liegt im sechsten Teil, beim Kitsch. Kitsch meint hier keine Gartenzwerge, sondern das kategorische Einverständnis mit dem Sein und die absolute Verneinung der Scheiße. Daraus zieht Kundera einen harten Schluss: Der Gulag war kein Verfall des kommunistischen Ideals, sondern dessen Konsequenz. Wer das Paradies auf Erden behauptet, muss alles wegräumen, was ins Bild nicht passt. Der Gegeneinwand der Kritik: Wenn der Begriff so weit gedehnt wird, dass jede Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft darunter fällt, bleibt am Ende nur Zynismus. Und es gibt den Vorwurf der Heuchelei, wonach Kundera mit der Melone, der Unterwäsche und der philosophischen Grundierung selbst Kitsch produziert.

Die heftigste Debatte betrifft die Frauenfiguren. Joan Smith stellte 1989 in “Misogynies” fest, Feindseligkeit sei der gemeinsame Nenner in allem, was Kundera über Frauen schreibt. Tomas darf Akteur sein, während Tereza und Sabina auf Kindheitstraumata und pathologische Fallstudien reduziert werden. Dagegen steht die Lesart der Subversion: Kundera baue die binären Frauenbilder bewusst auf, um sie von innen sprengen zu lassen. Die Folge lässt offen, welche Seite recht behält, und benennt, warum die Verteidigung manchen zu bequem erscheint.

Zum Schluss die Rezeptionsgeschichte, und die ist das eigentliche Paradox. Im Westen wurde der Roman gefeiert, in Kunderas Heimat verrissen, und zwar von zwei Seiten, die sonst Todfeinde waren: vom Dissidenten Milan Jungmann im Untergrund und vom regimetreuen Kritiker Jaroslav Čejka. Beide warfen ihm vor, das nationale Trauma der Normalisierung für westliche Leser konsumierbar zurechtgelegt zu haben. Wichtig ist die Differenzierung: Das war die Kritik der Intellektuellen. Die tschechischen Leser, die das 1985 in Toronto erschienene Buch heimlich weiterreichten, fühlten sich verstanden.

Am Ende steht das Wörterbuch der unverstandenen Wörter und die Frage, ob zwei Menschen, die dasselbe Wort benutzen, jemals dasselbe meinen.