Israel 1940–1950: Zwei Geschichten einer Staatsgründung

Israel 1940–1950: Zwei Geschichten einer Staatsgründung

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Wie wurde aus einer europäischen Idee des späten 19. Jahrhunderts ein Staat im Nahen Osten — und warum gilt derselbe Tag, der 14. Mai 1948, für die einen als Befreiung und für die anderen als Katastrophe? Diese Folge folgt der Spur von der Dreyfus-Affäre und Theodor Herzls “Judenstaat” über das britische Mandat bis zur Staatsgründung Israels und dem Ersten Arabisch-Israelischen Krieg.

Wir beginnen im Europa des Antisemitismus, in dem Herzl 1896 mit seiner Schrift den politischen Zionismus begründet und 1897 in Basel die Zionistische Weltorganisation einberuft. Über 400 Jahre osmanischer Herrschaft hatten in Palästina Muslime, Christen und eine kleine jüdische Minderheit nebeneinander bestehen lassen — bis der Erste Weltkrieg die Karten neu mischt.

Das britische Mandat ab 1922 ist ein politisches Minenfeld: Großbritannien hat zuvor in der Hussein-McMahon-Korrespondenz ein arabisches Großreich versprochen, im Sykes-Picot-Abkommen die Region heimlich mit Frankreich aufgeteilt und in der Balfour-Deklaration 1917 die “nationale Heimstätte” für das jüdische Volk unterstützt. Drei unvereinbare Versprechen — der Konflikt ist programmiert.

Dann kommt 1939: Das britische Weißbuch beschränkt die jüdische Einwanderung drastisch — ausgerechnet in dem Moment, in dem europäische Juden vor dem Holocaust fliehen müssen. Wir erzählen das exemplarisch am Schicksal der späteren Sex-Therapeutin Ruth Westheimer, deren Eltern dem Lager nicht mehr entkommen.

Nach 1945 kapituliert Großbritannien politisch und übergibt das Problem an die jungen UN. Am 29. November 1947 beschließt die Generalversammlung den Teilungsplan: 56 Prozent für einen jüdischen, 43 Prozent für einen arabischen Staat, Jerusalem unter UN-Verwaltung. Die jüdische Seite nimmt an, die arabische lehnt ab.

Am 14. Mai 1948 ruft David Ben-Gurion in Tel Aviv den Staat Israel aus. Einen Tag später greifen sechs arabische Staaten an. Israel siegt nicht nur — am Ende kontrolliert das Land 77 Prozent des Mandatsgebiets. Doch parallel ereignet sich ein demografisches Erdbeben: Über 700.000 Palästinenser fliehen oder werden vertrieben, hunderte arabische Dörfer werden zerstört oder neu besiedelt. Für die Palästinenser ist das die Nakba — die Katastrophe.

Wir gehen den umstrittenen Ursachen der Nakba ausführlich nach. Der israelische “Neue Historiker” Benny Morris hat ab den 1980er Jahren auf Basis freigegebener Militärarchive das alte Narrativ widerlegt, die arabischen Führer hätten ihre Bevölkerung per Radio zur Flucht aufgerufen: Nur etwa fünf Prozent der Flucht gehen darauf zurück, rund 73 Prozent direkt auf israelische Militäroperationen. Sein Kollege Ilan Pappé spricht sogar von ethnischer Säuberung und einem bewussten “Plan Dalet”. Wir ordnen ein, was an dieser Debatte historisch belegbar ist und wo sich die Lesarten bis heute scheiden — vom Massaker in Deir Yassin bis zum Mörserbeschuss von Haifa.

Im Hintergrund steht eine zweite, oft übersehene Vertreibungsbewegung: die massenhafte Flucht und Vertreibung von Juden aus arabischen und islamischen Ländern, die zum Großteil im jungen Staat Israel landen. 1949 unterzeichnet Israel mit Ägypten, Jordanien, Libanon und Syrien Waffenstillstandsabkommen, 1949 finden die ersten Knesset-Wahlen statt, Ben-Gurion wird Premier, Chaim Weizmann Präsident, Israel wird 59. UN-Mitglied. Im Juli 1950 verabschiedet die Knesset das Rückkehrgesetz.

Die Folge bleibt aber nicht bei 1950 stehen. Sie zeigt, wie die ungelösten Grenzen der Gründung in den Sechstagekrieg 1967, in die Besatzung, in die Siedlerbewegung und schließlich bis zum 7. Oktober 2023 nachwirken — und warum der Konflikt für Israelis und Palästinenser zwei vollkommen unvereinbare Schmerzrealitäten erzeugt hat. Am Ende steht eine offene Frage: Was wird aus diesem Konflikt, wenn die Generation der direkten Zeitzeugen — wie der Palästinenser Abu Khaled mit seinem rostigen Schlüssel oder die Holocaust-Überlebenden in Tel Aviv — bald nicht mehr lebt und die persönliche Erinnerung durch nationale Mythen ersetzt wird?

Quellen: Bundeszentrale für politische Bildung, Wikipedia (Geschichte des Staates Israel; Vertreibung und Flucht der Palästinenser 1948), Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Anne Frank Haus, Overton Magazin (Benny Morris), ORF WELTjournal+ “Zwei Geschichten — Israels Staatsgründung” und ZDF Terra X “Konfliktfall Israel”. Die Folge bezieht bewusst die jüdisch-israelische, die arabisch-palästinensische und die internationale Perspektive ein und nimmt keine politische Partei.

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