1922 gibt ein angesehener amerikanischer Reformrabbiner sein komfortables Leben in New York auf, geht nach Jerusalem und fordert mitten in der zionistischen Aufbruchsphase, dass die jüdische Gemeinschaft im britischen Mandatsgebiet Palästina die politische Macht zu exakt 50 Prozent mit den arabischen Nachbarn teilen müsse — unabhängig von jeder demografischen Mehrheit. Sein Name war Judah Leon Magnes, und die Idee, für die er sich isolierte, kostete ihm fast jeden politischen Verbündeten.
Diese Episode rekonstruiert die binationalistischen Bewegungen Brit Schalom (gegr. 1925) und Ihud (gegr. 1942) — zwei kleine, intellektuell brillante, politisch chancenlose Versuche, einen anderen Weg jenseits eines exklusiv jüdischen oder exklusiv arabischen Nationalstaats zu denken. Wir gehen weit über Martin Bubers Rolle hinaus und schauen auf die konkreten institutionellen Programme: dreisprachige Verwaltung (Englisch, Hebräisch, Arabisch), gemischte Gewerkschaften, gemeinsame Handelskammern in Jaffa und Haifa, landwirtschaftliche Kooperativen mit gemeinsamem Kreditwesen, Arabisch als Pflichtfach an jüdischen Schulen.
Im Zentrum steht das Personal: Magnes als Kanzler der Hebräischen Universität und theologischer Motor der Bewegung; Arthur Ruppin als Soziologe, der in seinem berühmten Brief von 1930 an Hans Kohn die historische Anomalie des Projekts seziert — eine zweite Nation, die ohne Eroberung in ein besiedeltes Land einwandert und volle Gleichberechtigung beansprucht; Hugo Bergmann, Gershom Scholem und Hans Kohn als philosophische Köpfe der Hebräischen Universität; Henrietta Szold, die Gründerin der Hadassah, die mit Magnes 1942 Ihud aus der Taufe hebt; und Haim Margolis-Kalvarisky, die paradoxe Figur, die binationalen Frieden predigt und gleichzeitig im Auftrag zionistischer Organisationen Land aufkauft, das arabische Pächter vertreibt.
Wir hören das vernichtende Urteil des arabischen Funktionärs Auni Abd al-Hadi an Kalvarisky — er verhandle lieber mit den Hardlinern um Wladimir Jabotinsky als mit denen, die von Brüderlichkeit reden und im Hintergrund anders handeln. Dieses Misstrauen war aus arabischer Sicht rational und erklärt mit, warum die Bewegung nie eine breite arabische Resonanz fand. Auch das spätere Zugeständnis kommt vor: die Vereinbarung zwischen Fawzi Darwish al-Husseini und der League for Jewish-Arab Rapprochement 1946 — al-Husseini wurde wenige Monate später für seine Unterstützung des Binationalismus ermordet.
Wir kontrastieren die Bewegung mit der zionistischen Mehrheit: David Ben-Gurion und der Mapai, die Revisionisten um Jabotinsky, die Biltmore-Konferenz 1942, auf der die zionistische Bewegung erstmals offiziell ein „Jewish Commonwealth“ forderte und damit den endgültigen Bruch mit dem binationalistischen Lager vollzog. Wir sehen die seltsame Koalition aus marxistischen Hashomer-Hatzair-Kibbuzim und kapitalistischen Großgrundbesitzern wie Moshe Smilansky, die Ihud nach 1942 zu einer realeren politischen Größe machte.
Im Zentrum des Ihud-Programms steht der Paritätsmechanismus: fest fixierte 50/50-Sitzverteilung in allen Organen, völlig unabhängig von der tatsächlichen Bevölkerungszahl — eine Konstruktion, die Hannah Arendt scharf kritisierte und die das Risiko des permanenten administrativen Stillstands trug. Magnes übernahm später Arendts Vorschlag einer Konfederation, der „United States of Palestine“ mit Kantonssystem, gemeinsamer Außenpolitik und Verteidigung, autonomer Kultur, Bildung und Religion sowie Jerusalem als geteilte, entmilitarisierte Hauptstadt.
Der Vortrag von Ihud vor dem Anglo-American Committee of Inquiry 1946 und dem UNSCOP 1947 markierte den letzten politischen Höhepunkt; der UN-Teilungsplan vom November 1947, der amerikanische Treuhandschaftsversuch Magnes’ im April 1948 und schließlich die israelische Staatsgründung am 14. Mai 1948 besiegelten das politische Ende. Magnes starb im Oktober desselben Jahres in New York.
Den Abschluss bildet ein kurzer Bogen ins Heute: die Wiederkehr binationalistischer Argumentationen im One-State-Diskurs nach 1967, der Aufsatz Don Peretz’ im Duke Law Journal mit konkreten Mechanismen für ein föderales Modell, die ernüchternden globalen Präzedenzfälle ethnisch-föderaler Staaten — Indien/Pakistan, Libanon, Biafra, Zypern — und die Schweiz als seltener Hoffnungsfunke. Eine Episode über gescheiterte politische Architektur, über Theologie als politische Triebkraft und über die Frage, wie viel zivilisatorischer Preis zu zahlen ist, wenn man sich weigert, Souveränität neu zu denken.